Die Ballade vom Tatort

Dieses Wochenende gibt es nur Abschiede zu betrauern. Und auch, wenn ich diesen hier ganz sicher nicht mit dem von gestern gleichsetzen möchte, so haben sie doch irgendwie auf eine perverse Art etwas gemeinsam: Denn in beiden Fällen verschwindet Qualität und Mut zu Neuem.

Der Tatort ist ja nicht unbedingt bekannt für Innovationen. Eigentlich ein Garant für vorhersehbares Krimiraten am Sonntag Abend, ist es schon was Besonderes, wenn man einmal nicht schon um Neun weiß, wie der Hase laufen wird. Doch es gibt wie sooft Ausnahmen: Das Kieler Team, die Ermittler aus Frankfurt und zuletzt besonders Cenk Batu in Hamburg haben bewiesen, dass deutsches Fernsehen richtig super sein kann.

Doch ach, in den Hinterzimmern der Tatort-Redaktionen muss es irgendwie dauernd Sitzungen geben, in denen beschlossen wird, dass die Filme nicht mehr so gut und anders sein dürfen, sondern unbedingt dem Programm des ZDF, das zur gleichen Sendezeit gerne Rosamunde Pilcher-Filme ausstrahlt, ähneln muss. Is ja auch klar, scheinen die grauen Männer in den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten doch nur auf ein Zielpublikum jenseits der 50 zu schielen. Nur wieso? Und warum scheint dieses Publikum nur stumpfes Programm zu wollen? Erstaunlich ist in dieser Hinsicht auch jede Woche der Blick in die Pressemitteilung, die die aktuelle Tatort-Quote veröffentlicht: Da kommen die Clowns aus Münster und die Schmolllippe aus Leipzig auf Traumquoten, während Hamburg angeblich keiner sehen will.

Komisch. Ich kenne wirklich niemanden, der Cenk Batu als Undercover-Ermittler in Hamburg nicht gut findet. Im Gegenteil: Ich kenne einen ganzen Haufen Leute, die nur diesen Tatort einschalten. Weil der einfach schockt. Bock macht. Spannend, lustig, interessant ist. Aber vielleicht fallen diese Leute durchs Raster, denn sie sind unter 35.

Jedenfalls hat die ARD es geschafft, Mehmet Kurtulus bereits nach 6 Fällen wieder rauszuekeln. Offiziell hat er freiwillig den Vertrag nicht verlängert. In diesem Interview sieht die Sache dann aber doch auch nach mühsamen Redakteuren, schlechten Dreh-Bedingungen und Quotengedrängel aus. Als die coole Sau, die er nunmal ist, dachte er sich dann wohl, och nö, da mach ich anderswo geilere Sachen.

Die Wahl des Nachfolgers lässt den NDR nun noch dämlicher aussehen: Til Schweiger? Seriously? Das ist ungefähr eine genauso tolle Idee wie Thomas Gottschalk in seiner Vorabendshow permanent über die neuen Medien reden zu lassen, weil das angeblich modern und am Puls der Zeit ist. Oder Harald Schmidt einen Sidekick namens Oliver Pocher zu verpassen. Nur, weil Schweiger mit seinen Pippi-Kacka-Witzchen in schön gefilmten Bildern an der Kinokasse erfolgreich ist, wird es nicht auch beim Tatort klappen. Und überhaupt: Wieso geht es im GEZ-finanzierten Fernsehen um Einschaltquoten? Sollte es nicht die Aufgabe sein, Qualität, Anspruch und Gehirn zu vermitteln?

Vermutlich ist es unendlich naiv von mir zu glauben, sowas wäre weiterhin möglich – stattdessen muss ich überflüssige Doppelfälle wie den aus Leipzig/Köln ertragen und soll dabei wahrscheinlich auch noch die Originalität loben. Da guck ich ehrlich gesagt inzwischen lieber den Polizeiruf: Die Ermittler aus Rostock sind eh die besten im Land, und seit der großartige Matthias Brandt in München ermittelt, weiß ich wieder, wie toll ein Krimi sein kann. Manche Redaktionen scheinen doch begriffen zu haben, wie gute Unterhaltung funktioniert.

Deshalb hier nur in Stichpunkten, warum man heute um 20.15 einschalten muss:

Klingt doch nach einem Daniel Craig-James Bond der jüngeren Jahre – der SPIEGEL nennt den Film gar ein Spektakel. Und da man in Zukunft den Hamburger Tatort wohl höchstens zum Lästern einschalten kann, sollte man sich das nicht entgehen lassen.

Übrigens: Irgendein lustiger Mensch beim NDR muss die Sache ähnlich sehen. Denn als kürzlich am späten Abend eine Wiederholung eines Kurtulus-Tatorts lief, folgte dem sehr guten Fall eine alte Folge von Die Kommissarin. Und wer spielte mehr schlecht als recht in dieser Serie den Sidekick von Hannelore Elsner? Richtig. Til Schweiger. Einen besseren weil für sich selbst sprechenden Kommentar hätte der Sender nicht abgeben können.

Die Ballade von Cenk und Valerie, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Alle Bilder daserste.de

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